Stress und Mikronährstoffe
Dr.
med. Hans-Günter Kugler,
Die Naturheilkunde, Heft 2/ 2007
Es
ist heute zweifelsfrei nachgewiesen, dass der chronische psychische Stress oder
Dauerstress ein erheblicher Risikofaktor für zahlreiche Erkrankungen ist. Dazu
zählen Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit Arteriosklerose und Bluthochdruck, Asthma
bronchiale, Übergewicht, Diabetes mellitus Typ 2, Osteoporose, Rückenschmerzen,
Kopfschmerzen, Schwindel, Migräne, Depressionen, psychosomatische Erkrankungen
etc.
Psyche und Körper antworten auf einen Stressfaktor
psychischer oder physischer Art mit bestimmten körperlichen Reaktionen. Wenn die
Stresssituation vorbei oder überwunden ist, kehren Körper und Psyche wieder zum
Normalzustand zurück. Anders ist es bei länger anhaltendem psychischen Stress.
Hierbei kommt es zu einer Daueraktivierung des Sympathikus und der
Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse). Durch die Aktivität
des Sympathikus werden im Nebennierenmark vermehrt die Stresshormone Adrenalin
und Noradrenalin ausgeschüttet. Die Sympathikuswirkung zeigt sich z.B. in einer
Erhöhung des Pulsschlags, einem erhöhten Blutdruck, einer vermehrten
Muskelspannung etc. Lang andauernder Stress fördert auch die
Noradrenalinsynthese im Gehirn, wodurch die psychische Befindlichkeit des
Menschen nachhaltig gestört wird. Man fühlt sich angespannt, ängstlich und
vermehrt schreckhaft.
Die
Aktivierung der HPA-Achse führt zu einer vermehrten Ausschüttung des
Stoffwechselhormons Cortisol. Cortisol spielt eine zentrale Rolle für die
Stoffwechselregulierung. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass chronisch
erhöhte Cortisolspiegel mit einer ganzen Reihe krankhafter Veränderungen im
Organismus einhergehen. Erhöhte Cortisolspiegel führen zu einer Schädigung
bestimmter Hirnstrukturen. Besonders zu erwähnen ist hier der Hippocampus, eine
Hirnregion, die für die Gedächtnisbildung und das Lernvermögen sehr bedeutsam
ist.
Erhöhte Cortisolspiegel begünstigen eine Zunahme des Fettgewebes im Bauchraum (viszerale
Adipositas). Dies wiederum bewirkt eine ganze Reihe von Stoffwechselstörungen
wie Insulinresistenz, Fettstoffwechselstörungen, Verminderung der Konzentration
des Wachstumshormons etc. Cortisol kann appetitsteigernd wirken, was zu einer
vermehrten Nahrungsaufnahme anregt und damit die Entstehung von Übergewicht und
Adipositas fördern kann. Hohe Cortisolkonzentrationen vermindern auch die
Empfindlichkeit der Insulinrezeptoren und begünstigen die Entstehung eines
Diabetes mellitus. Bedeutsam ist außerdem ein immunschwächender Effekt: Die
Infektanfälligkeit nimmt erheblich zu.
Erst
vor ca. drei Jahren wurde von der Universität Heidelberg nachgewiesen, dass
psychischer Stress sogar direkt in der Zelle zu krankhaften Veränderungen führt.
Stress aktiviert verstärkt den Transkriptionsfaktor NF-Kappa-B, der wiederum in
der Zelle die Bildung entzündungsfördernder Botenstoffe auslöst. Psychischer
Stress kann also Entzündungsprozesse in Gang setzen; diese sind z.B. für die
Entstehung der Arteriosklerose bedeutsam, da, wie bekannt ist, die so genannte
Entzündungskomponente wesentlich zur Entstehung der Arterienverkalkung beiträgt.
Eine dauerhafte Erhöhung der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin kann
letztlich auch zu einer Vergrößerung der linken Herzkammer beitragen sowie zu
einer Verengung der Herzkranzgefäße. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass
anhaltender psychosozialer Stress zu mess- und sichtbaren Veränderungen im Zell-
und Organstoffwechsel sowie zu einer Strukturveränderung des Gehirns führt.
Welchen Beitrag können Mikronährstoffe zur Verminderung
von Stressschäden leisten?
Die Wirkprinzipien sind:
-
Verbesserung der
psychischen Befindlichkeit und Stresstoleranz
-
Schutz des
Gefäßendothels
-
Erhöhung der
antioxidativen Kapazität
-
Verminderung der
entzündlichen Aktivität
-
Verbesserung des
zellulären Energiestoffwechsels
-
Entkrampfung
und muskuläre Entspannung
-
Verbesserung der
Immunkompetenz
Die
Grundlage für eine erfolgsversprechende und effiziente Therapie mit
Mikronährstoffen ist eine vorgehende Diagnostik in Form einer Blutanalyse, wie
sie von einigen spezialisierten medizinischen Labors angeboten wird wie z.B. dem
Diagnostischen Centrum für Mineralanalytik und Spektroskopie DCMS GmbH.
Die
im Folgenden aufgeführten Mikronährstoffe können die Stresstoleranz erhöhen und
stressbedingte Funktionsstörungen der Organsysteme vermindern:
Aminosäuren
Arginin
Arginin ist die Ausgangssubstanz für die Bildung des gasförmigen Signalmoleküls
Stickstoffmonoxid (NO), das für die Gefäßregulation, Durchblutung und den
Endothelschutz eine zentrale Rolle spielt. Eine Argininsupplementierung kann
Endothelläsionen vermindern, die aufgrund eines erhöhten Sympathikotonus
entstehen. Arginin wirkt außerdem leicht blutdrucksenkend. Psychosozialer Stress
kann Entzündungsreaktionen in den Gefäßwänden in Gang setzen, wodurch Stickoxid
beschleunigt abgebaut wird und der Argininbedarf erhöht ist.
Glycin
Glycin ist eine Aminosäure mit vielfältigen Eigenschaften, u.a. wirkt sie als
inhibitorischer Neurotransmitter an Glycinrezeptoren im Rückenmark und
Hirnstamm. Glycinsupplemente haben deshalb eine entspannende und entkampfende
Wirkung auf die Muskulatur. Glycin kann auch bei Panikattacken hilfreich sein,
weil es offensichtlich die Freisetzung von Noradrenalin im Gehirn reduzieren
kann.
Glutamin
Bei
physischen und psychischen Stresszuständen kommt es leicht zu einer Verarmung
des Glutaminpools des Organismus. Glutamin ist von zentraler Bedeutung für die
Aktivität des Immunsystems sowie ein wichtiges Nährsubstrat für die
Schleimhautzellen des Magendarmtrakts; deshalb ist eine Glutaminsupplementierung
bei stressbedingten Magen-Darm-Beschwerden sinnvoll. Glutamin bietet auch einen
gewissen Schutz gegen die stressbedingte Immunschwäche. Durch eine
Glutaminsupplementierung lässt sich die körpereigene Glutathionsynthese
verbessern, was bei psychischem Stress wünschenswert ist, weil die Stresshormone
zu einer erhöhten Entzündungsbereitschaft sowie zu einer vermehrten Bildung
freier Radikale führen können. Bekanntlich ist Glutathion das wichtigste
zelluläre Antioxidans.
Taurin
Taurin hat als Aminosäure mehrere therapeutische Eigenschaften, die bei
psychischem Stress eine Rolle spielen. Es hat aufgrund seiner Fähigkeit, die
Thrombozytenaggregation und das Risiko für Herzrhythmusstörungen herabzusetzen,
eine Schutzfunktion für das Herz-Kreislauf-System. Ein hoher Level von
Stresshormonen und eine erhöhte Aktivität des Symphatikus begünstigen
Herzrhythmusstörungen.
Taurin besitzt auch antioxidative und entzündungshemmende Eigenschaften und
wirkt so einer stressbedingten erhöhten Entzündungsbereitschaft entgegen.
Außerdem ist Taurin ein so genannter inhibitorischer Neuromodulator, also eine
Substanz, die die Erregbarkeit der Nervenzellen dämpft.
Tryptophan
Tryptophan ist die Ausgangssubstanz für die Bildung des Neurotransmitters
Serotonin. Letzteres ist sehr bedeutsam für die psychische Befindlichkeit des
Menschen. Es ist z.B. bekannt, dass ein Serotoninmangel häufig mit
Feindseligkeit, aggressivem Verhalten, Depressionen und anderen
stressauslösenden Gemütszuständen assoziiert ist. Ein Serotoninmangel kann eine
Vielzahl körperlicher Beschwerden verursachen oder mitverursachen, die man meist
als psychisch bedingt einstuft, z.B. Kopfschmerzen, Colon irritabile,
Magen-Darm-Beschwerden, Schwindel, Kreislaufstörungen u.a.m.
Erhöhte Cortisolspiegel beschleunigen den Abbau von Tryptophan, so dass bei
Stresszuständen für eine ausreichende Serotonin-Synthese höhere Tryptophandosen
erforderlich sind.
Tyrosin
Tyrosin ist die Ausgangssubstanz für die Bildung der Katecholamine und
Schilddrüsenhormone. Eine Tyrosinsupplemtierung kommt besonders dann in Frage,
wenn durch chronischen Stress ein Erschöpfungszustand eingetreten ist. Durch die
Einnahme von Tyrosin kann häufig eine Verbesserung von Stimmung,
Hirnleistungsfähigkeit und psychischer Belastbarkeit erreicht werden. Bei
Depressionen kann sowohl eine Supplementierung von Tryptophan und/ oder Tyrosin
hilfreich sein.
Vitamine
Vitamin C
Vitamin C ist an der Synthese der Katecholamine, Steroidhormone und
verschiedener Neuropeptide beteiligt; insbesondere ist der Vitamin-C-Bedarf bei
einer vermehrten Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin sehr hoch. Eine
unzureichende Vitamin-C-Versorgung führt zu einer reduzierten Stresstoleranz. In
einer Studie der Universität Trier konnte nachgewiesen werden, dass nach einer
hochdosierten Vitamin-C-Supplemenierung die körperlichen Stressreaktionen
vermindert ausfallen. Es kam zu einem geringeren Blutdruckanstieg nach
psychischem Stress, außerdem normalisierten sich die Cortisolkonzentrationen im
Speichel wesentlich schneller als in der Kontrollgruppe. Vitamin C ist das
wichtigste wasserlösliche Antioxidans und spielt deshalb eine bedeutende Rolle
für den antioxidativen Schutz des Gefäßendothels. Entzündliche Reaktionen
entstehen häufig aufgrund einer Verschiebung des zellulären Redoxpotentials in
den oxidativen Bereich. Auch dieser Entwicklung kann Vitamin C vorbeugen.
Vitamin E
Vitamin E besitzt entzündungshemmende Eigenschaften und vermindert die
Thrombozytenaggregation, also die Verklumpung der Blutplättchen. Diese Fähigkeit
ist in sofern von Bedeutung, als die Bildung von Thrombozyten-/
Leukozytenkomplexen bei psychischem Stress ein wesentlicher Auslösefaktor für
die koronare Herzerkrankung ist.
Vitamin E ist das wichtigste fettlösliche Antioxidans und deshalb auch für das
Gehirn notwendig, das zu etwa 60 Prozent aus Lipiden besteht.
Vitamin B1
Vitamin B1 ist für den Glukoseabbau unabdingbar. Da Nervenzellen stark
glukoseabhängig sind, spielt das Vitamin B1 eine zentrale Rolle für den
Energiestoffwechsel der Nervenzellen. Bei einem Vitamin-B1-Mangel wird im
Stoffwechsel vermehrt Laktat gebildet, das zu einer erhöhten Erregbarkeit der
Nerven führen kann. Außerdem ist Vitamin B1 am Neurotransmitterstoffwechsel
beteiligt, speziell an der Bildung von Acetylcholin, Glutamat, Aspartat und GABA.
Eine
unzureichende Vitamin-B1-Versorgung kann sich in vermehrter Reizbarkeit, in
Konzentrationsschwäche und in Schlafstörungen zeigen.
Vitamine B6, B12,
Folsäure
Alle
drei Vitamine sind für den Neurotransmitterstoffwechsel erforderlich und werden
für den Homocysteinabbau benötigt. Bereits leicht erhöhte Homocysteinspiegel
können zu Hirnleistungsstörungen und psychischen Befindlichkeitsstörungen
führen. Außerdem steigt das Risiko für Gefäßerkrankungen. Bei depressiven
Patienten sind die Konzentrationen dieser Vitamine häufig vermindert oder
suboptimal. Eine Supplementierung mit diesen Vitaminen kann eine depressive
Stimmungslage verbessern und die Hirnleistungsfähigkeit erhöhen.
Mineralstoffe/ Spurenelemente
Calcium
Eine
unzureichende Calciumversorgung erhöht die Erregbarkeit der Nerven, wie man es
z.B. bei der Tetanie beobachten kann.
Magnesium
Magnesium ist von zentraler Bedeutung für die Behandlung stressbedingter
Beschwerden. Magnesium setzt die Erregbarkeit von Muskeln und Nerven herab und
hat eine entkrampfende Wirkung. Es wird für die Stressabschirmung des
Herz-Kreislauf-Systems benötigt. Eine Magnesiumsupplementierung kann das Risiko
für Herzrhythmusstörungen vermindern, erweitert die koronaren und peripheren
Arterien und wirkt somit blutdrucksenkend. Die unter Stress freigesetzten
Katecholamine reduzieren die intrazelluläre Magnesiumkonzentration, so dass bei
Stresszuständen generell ein höherer Magnesiumbedarf vorliegt.
Magnesium ist hilfreich bei zahlreichen psychovegetativ bedingten Beschwerden
wie Nervosität, Konzentrationsstörungen, Migräne, Herzjagen und
Beklemmungsgefühl. Im Gehirn ist Magnesium ein NMDA-Rezeptor-Antagonist.
Exitatorische Aminosäuren, z.B. Glutatmat und Aspartat, wirken über diesen
Rezeptor und erhöhen die Erregbarkeit der Nervenzellen.
Außerdem ist Magnesium für den Energiestoffwechsel jeder Körperzelle unerläßlich,
weshalb es auch bei Burn-out und anderen Erschöpfungszuständen entsprechende
Symptome bessern kann.
Selen
Es gibt Hinweise aus Studien, dass höhere
Selenkonzentrationen mit einer besseren Befindlichkeit assoziiert sind. Ebenso
besteht ein Zusammenhang zwischen einer niedrigen Selenkonzentration und einem
erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Selen spielt als Spurenelement
eine wesentliche Rolle für den antioxidativen Schutz des Organismus; es
vermindert die Bildung entzündungsfördernder Prostaglandine und Leukotriene und
verbessert die zelluläre und humorale Immunkompetenz.
Zink
Vor
kurzem konnte nachgewiesen werden, dass Zink mit dem Glycinrezeptor in
Wechselwirkung steht. Bei einem Zinkmangel kommt es zu einer Funktionsstörung
der Glycinrezeptoren, wodurch die erregungshemmende Wirkung des Glycins
abgeschwächt wird. Zink ist für viele Funktionen des Immunsystems erforderlich.
Bei chronischem Stress kann dehalb zur Aufrechterhaltung und Verbesserung der
Immunkompetenz ein erhöhter Zinkbedarf bestehen.
Coenzym Q10/ Carnitin
Beide
Vitaminoide sind für die Energiegewinnung im Zellstoffwechsel erforderlich.
Durch eine Supplementierung dieser Substanzen lassen sich Symptome wie
Erschöpfung, Leistungsschwäche und Müdigkeit häufig bessern. Sie sind von großer
Bedeutung für den Energiestoffwechsel des Herzmuskels und schützen die
Gehirnzellen gegen die Schädigung vor freien Radikalen. Die körpereigene
Coenzym-Q10-Synthese nimmt mit zunehmendem Lebensalter deutlich ab.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Mikronährstoffe ein erhebliches
präventives und therapeutisches Potential haben für die Bewältigung von
Stresszuständen. Insbesondere in der heutigen Zeit, wo der psychosoziale Stress
mit all seinen Folgen immer mehr zunimmt, ist die Orthomolekulare Medizin eine
logische und sinnvolle Therapiemaßnahme.
Literatur beim Verfasser:
Dr.
med. Hans-Günter Kugler
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