Angsterkrankungen orthomolekular
behandeln
Dr.
med. Hans-Günter Kugler,
Naturheilpraxis, Heft 8/ 2007
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Angsterkrankungen zählen neben den Substanzabhängigkeiten und den
depressiven Erkrankungen zu den häufigsten psychiatrischen Störungen mit
einer Lebenszeitprävalenz von 14 Prozent.
Man unterscheidet zwei Grundtypen von Angststörungen:
situationsspezifische Angststörungen (Phobien) und situationsunspezifische in Form der Panikstörung und der generalisierten
Angststörung.
Lange
Zeit wurde nicht hinreichend akzeptiert, dass die Ernährung einen
erheblichen Einfluss sowohl auf die Hirnstruktur als auch auf die
Hirnfunktion ausübt und somit auf die kognitiven Fähigkeiten und die
psychische Befindlichkeit. In jüngster Vergangenheit wurden zu dem Thema
Ernährung und Psyche verschiedene Fachartikel publiziert. |
So
haben die britische Verbraucherorganisation Sustain und die Mental
Health Foundation Anfang 2006 die Ergebnisse einer großen Untersuchung
in Großbritannien der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Hauptergebnis war,
dass die immer schlechtere Ernährung bei der britischen Bevölkerung
zunehmend zu Depressionen, nachlassendem Gedächtnis und verminderter
Konzentrationsfähigkeit führt. Nach Aussagen des Erlanger Medizinpsychologen Siefried Lehrl ist derzeit auch bei den Deutschen ein Rückgang der
Intelligenz zu beobachten, vor allem der fluiden Intelligenz, die unser
flexibles, kreatives und doch präzises Denken bestimmt. Er macht dafür auch
die schlechten Ernährungsgewohnheiten verantwortlich: „Die Deutschen essen
inzwischen zu fett, zu süß und zu viel Fast Food. Ein Großteil der
Bevölkerung isst heute schlechter als früher. Wer denkfit bleiben will,
braucht gute Hirnnahrung.“
Aufgrund des derzeitigen neurobiologischen Erkenntnisstandes ist davon
auszugehen, dass alle mentalen Vorgänge, also auch die psychischen,
untrennbar mit der Aktivität der Nervenzellen verbunden sind. Von zentraler
Bedeutung für das Denken, Fühlen und Handeln sind chemische
Signalsubstanzen, zu denen Neurotransmitter, Neuropeptide, Neurohormone und
Neuromodulatoren gehören. An zahlreichen neurochemischen Reaktionen sind
Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente und Aminosäuren beteiligt, die in
ausreichender Menge und Qualität verfügbar sein müssen.
Eine
„gute Hirnnahrung“ muss alle für den Hirnstoffwechsel und die Hirnstruktur
erforderlichen Nährstoffe enthalten; darüber hinaus spielen antioxidative
Substanzen, wie z.B. die sekundären Pflanzenstoffe, eine wichtige Rolle, da
das Gehirn aus verschiedenen Gründen zu oxidativem Stress neigt. Ungünstig
für das Gehirn ist eine hohe Zufuhr von Cholesterin, gesättigten Fettsäuren
und Zucker. Eine Therapie mit Mikronährstoffen ist allerdings kein Ersatz
für eine hirngesunde Ernährungsweise, aber sehr häufig eine sinnvolle und
notwendige Ergänzung. Hauptansatz für eine Therapie mit Mikronährstoffen
sind der Neurotransmittermetabolismus, die Durchblutung des Gehirns, der
antioxidative Schutz und der Energiestoffwechsel der Nervenzellen.
Die
Orthomolekulare Medizin ist bei vielen psychischen Störungen eine
erfolgversprechende Therapie, die sehr gut auch adjuvant eingesetzt werden
kann. Dabei geht es nicht nur um den Ausgleich von Mikronährstoff-Defiziten,
sondern auch um eine individuell angepasste Versorgung mit Mikronährstoffen.
Psychischer Stress z.B. erhöht erheblich den Bedarf an verschiedenen
Vitalstoffen.
Aus
der Sicht der Neurobiologie gibt es für die Angsterkrankungen bisher kein
klar formuliertes Modell der Krankheitsentstehung, vergleichbar der
Dopaminhypothese bei der Schizophrenie oder der Serotonin-/
Noradrenalin-Mangelhypothese bei depressiven Erkrankungen. Häufig ist bei
Platzangst oder sozialen Phobien eine Überaktivität des sympathischen
Nervensystems nachweisbar. Bei Panikattacken liegt meist eine
Übererregbarkeit des zentralnervösen noradrenergen Systems und des
Atemzentrums vor.
Im
Folgenden werden nun die Mikronährstoffe vorgestellt, die bei der Therapie
von Angsterkrankungen hilfreich sein können.
Glutamin
Glutamin ist die Aminosäure mit der höchsten Konzentration im Blutserum. Sie
ist ein essentielles Nährsubstrat für die Enterozyten und Immunzellen. Im
ZNS ist Glutamin eine wichtige Ausgangssubstanz für die Bildung des
Neurotransmitters GABA. Experimentell konnte nachgewiesen werden, dass eine
Erhöhung des Glutaminangebots auch zu einer Steigerung der GABA-Synthese
führt. Das GABAerge System ist bekanntlich der therapeutische Ansatzpunkt
der Benzodiazepine, die ja häufig bei Angsterkrankungen eingesetzt werden.
Über eine Bindung an GABA-A-Rezeptoren verstärken die Benzodiazepine die
GABA-induzierten Chloridströme.
Glutamin kann auch als Nährsubstrat für die Neuronen dienen, was sich
besonders bei einem niedrigen Blutzuckerspiegel als hilfreich erweist. Eine
Glutaminsupplementierung führt häufig zu einer psychovegetativen
Stabilisierung des Patienten und zu einer besseren psychischen
Befindlichkeit.
Glycin
Glycin
ist eine Aminosäure mit sehr vielfältigen Eigenschaften. Es ist
Ausgangssubstanz für die Bildung von Kreatin, Glutathion, Elastin,
Kollagenen, Purinen etc. Glycin hat auch eine wichtige Funktion im ZNS. Es
ist ein inhibitorischer Neurotransmitter an Glycin-Rezeptoren, die
hauptsächlich im Rückenmark, aber auch in den Basalganglien vorkommen.
Glycin ist zudem Co-Agonist an NMDA-Rezeptoren, die für die
Gedächtnisbildung und für Lernvorgänge eine wesentliche Rolle spielen.
Glycinsupplemente können mit Erfolg bei verschiedenen Störungen des ZNS und
der Muskulatur eingesetzt werden, z.B. zur Muskelreduzierung und Spasmolyse,
zur Verbesserung des Gedächtnises und der Konzentrationsfähigkeit sowie bei
Schlafstörungen. Der renommierte kanadische Orthomolekularmediziner Abraham
Hoffer empfielt bei Panikattacken eine sublinguale Verabreichung von Glycin.
Zunächst sollten zwei Gramm unter die Zunge gegeben werden. Diese Dosis kann
im Abstand von weinigen Minuten mehrfach wiederholt werden, bis zum
Abklingen der Panikattacke. Für Hoffer erklärt sich der angstlösenden Effekt
von Glycin hauptsächlich aus einer Verminderung der Noradrenalin-Freisetzung
im Gehirn.
Taurin
Taurin
ist keine proteinogene Aminosäure, sondern ein Aminosäuren-Derivat, das in
freier Form vor allem in Thrombozyten, im Nervensystem und in der Muskulatur
vorkommt. Taurin hat u.a. antioxidative, immunstimulierende,
antiinflammatorische, positiv inotrope, antiarrhythmische und
antihypertensive Eigenschaften. Es wirkt im ZNS als ein inhibitorischer
Neuromodulator. Sein nachgewiesener neuroprotektiver Effekt dürfte zum einen
durch eine Aktivierung der Glycin- und GABA-Rezeptoren zustande kommen, zum
anderen durch eine stabilisierende Wirkung auf die Nervenzellmembranen.
Letztere kann man sich bei der Therapie von Angsterkrankungen zunutze
machen. Taurin trägt auch zur Minderung stressbedingter
Herz-Kreislauf-Effekte wie Hypertonie, Herzrhythmusstörungen, erhöhte
Gerinnungsneigung etc. bei.
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Tryptophan
Tryptophan ist eine essentielle Aminosäure und die Ausgangssubstanz für die
Bildung des Neurotransmitters Serotonin. Die Serotoninsynthese im ZNS ist
von der Tryptophanverfügbarkeit im Gehirn abhängig. Wenn mehr Tryptophan
durch die Blut-Hirn-Schranke gelangt, steigt auch die Serotoninbildung.
Tryptophan konkurriert mit fünf weiteren Aminosäuren (Leucin, Isoleucin,
Valin, Phenylalanin, Tyrosin) um den gleichen Carrier durch die
Blut-Hirn-Schranke. Wenn man einen Serotoninanstieg im Gehirn erreichen
möchte, empfiehlt sich beim Verzehr tryptophanreicher Nahrungsmittel oder
bei Verabreichung eines Tryptophansupplements die gleichzeitige Einnahme
kleiner Mengen Kohlenhydrate.
Der
kohlenhydratinduzierte Insulineffekt fördert die Aufnahme von Leucin,
Isoleucin und Valin in die Muskelzellen und erleichtert somit den
Tryptophantransport ins Gehirn.
Der
Neurotransmitter Serotonin ist zwar nur in kleinen Mengen im Gehirn
vorhanden, ist aber Bestandteil zahlreicher neuroregulatorischer Syteme.
So
beeinflusst er erheblich die Stimmungslage, was schon daraus deutlich wird,
dass eine reduzierte Tryptophanaufnahme über die Nahrung zu Stimmungstiefs
führen kann. Serotonin greift auch in die Aktivität der HP-A-Achse ein und
moduliert die Stressreaktion.
Allerdings sind Angsterkrankungen nicht einfach Serotoninmangelerkrankungen.
Es muss immer im Einzelfall geprüft werden, ob ein Tryptophan-/
Serotoninmangel vorliegt, der dann die Grundlage für eine gezielte
Supplementierung ist.
Lysin
2004
wurde in der renomminierten Fachzeitung PNAS eine Studie japanischer
Wissenschaftler publiziert, die sich mit der Wirkung von lysinangereichertem
Weizenmehl auf die psychische Befindlichkeit der Mehlverbraucher
beschäftigte. Die Untersuchung wurde als randomisierte Doppelblindstudie in
Nordsyrien durchgeführt, wo traditionell Weizenmehl ein Hauptnahrungsmittel
ist. Die Verumgruppe erhielt drei Monate lang lysinangereichertes
Weizenmehl, die Placebogruppe normales Weizenmehl. In der Verumgruppe konnte
bei den Frauen eine verminderte Cortisolantwort auf Stress nachgewiesen
werden, bei den männlichen Studienteilnehmern zeigte sich eine verminderte
Aktivierung des sympathischen Nervensystems, die durch
Hautwiderstandsmessungen nachgewiesen wurde. Außerdem führte die
Lysinanreicherung zu einer signifikanten Reduzierung der
Ängstlichkeitsparameter in einem psychologischen Testverfahren.
Schon
länger ist bekannt, dass Lysin als partieller Antagonist an 5-HT4-Rezeptoren
wirkt, die im Verdauungstrakt und im limbischen System sitzen und für
stressbedingte körperliche Reaktionen und Verhaltensweisen mitverantwortlich
sind. Lysin scheint auch bei ständiger Zufuhr über Benzodiazepin-Rezeptoren
beruhigend zu wirken.
Vitamin B1
Vitamin B1 ist von zentraler Bedeutung für alle glukoseabhängigen Gewebe,
insbesondere für das zentrale und periphere Nervensystem. Es besitzt die
geringste Speicherkapazität von allen B-Vitaminen und hat eine kurze
biologische Halbwertszeit. Eine Vitamin-B1-Supplementierung ist häufig bei
psychischen Befindlichkeitsstörungen und Hirnleistungsstörungen hilfreich,
da eine unzureichende Versorgung nicht selten vorkommt. Niedrige
Vitamin-B1-Konzentrationen können zu einer vermehrten Laktatbildung im
Stoffwechsel führen, die das Risiko für Panikattacken erhöht.
Vitamin B6, B12 und Folsäure/ Homocystein
Bei
Zwangsstörungen konnte eine Korrelation zwischen der
Homocysteinkonzentration im Blutserum und dem Schweregrad der Symptome
festgestellt werden. Patienten mit Zwangsstörungen hatten auch niedrigere
Folsäurekonzentrationen als gesunde Probanden. Bei den eigentlichen
Angststörungen konnte aber bisher kein signifikanter Zusammenhang mit
erhöhten Homocysteinkonzentrationen nachgewiesen werden. Da Angststörungen
häufig mit Depressionen einhergehen, empfiehlt sich in jedem Fall eine
Überprüfung der Versorgung mit den Vitaminen B6, B12 und Folsäure und ggf.
eine Supplementierung der defizitären Vitamine.
Vitamin C und E
Psychischer Stress führt über einen erhöhten Sympathikotonus und über eine
vermehrte Ausschüttung von Stresshormonen zu einem oxidativen Stress, der
einen erhöhten Antioxidantienbedarf verursacht. Es wurde nachgewiesen, dass
Stresshormone in der Zelle sogar den Transkriptionsfaktor NF-Kappa-B
aktivieren können und dadurch eine erhöhte entzündliche Aktivität
hervorrufen. Grundsätzlich ist bei psychischem Stress der Vitamin-C-Bedarf
erhöht, da Vitamin C für die Synthese der Katecholamine und der
Glukocortikoide benötigt wird. Die Vitamine C und E können Stressschäden im
Herz-Kreislauf-System mildern.
Selen
Ein
niedriger Selenstatus geht mit einer erhöhten Inzidenz von Depressionen und
anderen psychischen Symptomen wie Ängstlichkeit einher. Es konnte
nachgewiesen werden, dass eine Selensupplementierung einen positiven Effekt
auf Psyche und Wohlbefinden ausübt, vor allem bei einem unzureichenden
Selenstatus.
Zink
Zink
ist essentiell für die Aktivität von mehr als 200 Enzymen. Es spielt auch
eine wichtige Rolle im Neurotransmitterhaushalt. Schon länger ist bekannt,
dass Zink an der glutamatergen und GABAergen Neurotransmission beteiligt
ist. Erst vor kurzem wurde vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung
nachgewiesen, dass Zink auch die Antwort der Glycinrezeptoren verstärkt. Die
Bindung von Zink an die Glycinrezeptoren erhöht die Glycinwirkung innerhalb
der Nervenschaltkreise. Bei allen neuropsychiatrischen Störungen sollte
deshalb der Zinkstatus überprüft und ggf. eine Zinksupplementierung
durchgeführt werden.
Calcium
Eine
Hypocalcämie führt zu einer erhöhten Erregbarkeit des Nervensystems und der
Muskulatur. Die Symptome eines Calciummangels sind sehr gut erkennbar am
Hyperventilationssyndrom, das typischerweise mit einem Abfall der
Serum-Calcium-Konzentration einhergeht. Angstzustände erhöhen sowohl die
Ausscheidung von Calcium wie auch von Magnesium. Deshalb ist bei einer
Angsterkrankung der Calciumbedarf in der Regel erhöht.
Magnesium
Magnesium setzt die Erregbarkeit von Muskeln und Nerven herab und hat eine
entkrampfende Wirkung. Die bei Stress, z.B. bei Angstzuständen,
freigesetzten Katecholamine vermindern die intrazellulären
Magnesiumkonzentrationen, so dass bei Stresszuständen generell ein höherer
Magnesiumbedarf vorliegt. Im Gehirn ist Magnesium ein
NMDA-Rezeptor-Antagonist und vermindert die Wirksamkeit exitatorischer
Aminosäuren wie Glutamat und Aspartat.
Generell hilft Magnesium bei zahlreichen psychovegetativ bedingten
Beschwerden und ist ein wichtiger Antistress-Mikronährstoff.
Sonstige Mikronährstoffe
Grundsätzlich können bei Angststörungen auch noch viele weitere
Mikronährstoffe von diagnostischer Bedeutung und therapeutischem Nutzen
sein. Carnitin und Coenzym Q10 z.B. spielen eine zentrale Rolle im
Energiestoffwechsel und können bei Erschöpfung, verminderter Belastbarkeit
und Neurasthenie gute Dienste leisten. Speziell bei älteren Menschen zeigt
sich ein engerer Zusammenhang zwischen Ängstlichkeit und einer schlechten
körperlichen Verfassung. Es ist auch zu erwähnen, dass Schwankungen des
Blutzuckerspiegels zu Angstsymptomen führen können. Im Einzelfall erweisen
sich dann blutzuckerstabilisierende Mikronährstoffe wie Alanin, Biotin und
Chrom als nützlich.
Unbedingt ist auch auf eine gute Vitamin-D-Versorgung zu achten, da Vitamin
D einen günstigen Einfluss auf die psychische Befindlichkeit hat. Neueste
Daten des Robert-Koch-Instituts zeigen, dass über die Hälfte der Deutschen
sehr niedrige Vitamin-D-Konzentrationen aufweisen.
Aufgrund des klinischen Erscheinungsbildes des Patienten kann prinzipiell
nicht automatisch auf bestimmte einzelne Mikronährstoffmängel geschlossen
werden, es sei denn, es handelt sich um die klassischen
Vitaminmangelerkrankungen, die aber in Mitteleuropa kaum auftreten.
Allerdings lässt sich bei psychischen Befindlichkeitsstörungen mit einer
entsprechenden Laboranalyse relativ häufig eine suboptimale bis grenzwertige
Mikronährstoffversorgung feststellen.
Durch
eine gezielte Mikronährstofftherapie kann vielen dieser Patienten gut
geholfen werden.
©
Dr. med. Hans-Günter Kugler
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