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Der Einfluss der Ernährung auf die Psyche
Welche
Zusammenhänge sind bekannt?
Dr.
med. Hans-Günter Kugler,
CO`MED Nr. 12 - 2006:
Unbestritten sind falsche Ernährungsgewohnheiten ein Hauptrisikofaktor für viele
Zivilisationskrankheiten. Wir wissen heute, dass durch eine angemessene
Ernährungsweise nahezu alle Fälle von Übergewicht/ Adipositas und die meisten
Fälle von Diabetes mellitus Typ 2 vermieden werden könnten und dass rund 35
Prozent aller Tumorerkrankungen und 50 Prozent aller Fälle von arterieller
Hypertonie ebenso ernährungsabhängig sind. Wie sieht es nun auf dem Gebiet der
psychischen Erkrankungen aus?
Das
menschliche Gehirn benötigt, wie alle anderen Organe auch, eine ausreichende
Versorgung mit allen Makro- und Mikronährstoffen, um seine Funktionen erfüllen
zu können. Es hat aber im Vergleich zu anderen Organen einige
Stoffwechselbesonderheiten. Dazu gehört ein überproportionaler hoher
Sauerstoffverbrauch in Relation zum Organgewicht. Die Nährstoffe gelangen auf
dem Blutweg nicht direkt zu den Gehirnzellen, sondern müssen zuerst den „Filter“
Blut-Hirnschranke passieren.
Etwa 60 Prozent der Gehirnmasse besteht aus Fettmolekülen, dadurch ist das
Gehirn sehr anfällig gegenüber oxidativem Stress und hat einen hohen
Antioxidanzienbedarf. Die Nervenzellen können keine Fettsäuren
verbrennen; sie sind deshalb auf Glukose als
Energieträger angewiesen, weshalb die Glukoseversorgung des Gehirns für den
Organismus absolute Priorität hat. Der Organismus
verwendet zur Glukoneogenese verschiedene Metabolite wie Laktat, glukogene Aminosäuren
und Glycerin.
Von
zentraler Bedeutung für das Fühlen, Denken und Handeln - also für alle mentalen
Prozesse - sind chemische Signalsubstanzen, zu
denen Neurotransmitter, Neuropeptide, Neurohormone und Neuromodulatoren gehören.
An
zahlreichen neurochemischen Reaktionen
sind Vitamine oder Spurenelemente beteiligt.
Wenn diese nicht ausreichend zur Verfügung stehen, kommt es zu Störungen von
kognitiven Leistungen oder zu psychischen Befindlichkeitsstörungen. Bei Kindern
z. B. kann ein Eisenmangel zu Lernstörungen führen.
Anfang 2006 wurden zwei umfangreiche Untersuchungen aus Großbritannien zum
Themenkomplex Ernährung und Psyche publiziert. Eine Arbeit stammt von der
britischen
Verbraucherorganisation Sustain, die andere
von
der Mental Health Foundation; beide sind
komplett auf der Homepage der Mental Health Foundation verfügbar.
Die Essenz dieser
Publikationen ist:
Die immer schlechtere Ernährung
bewirkt bei der britischen Bevölkerung Depressionen
und schwächt Gedächtnis und Konzentration.
Der
starke Anstieg der industriellen Landwirtschaft führte durch den Einsatz von
Pestiziden zu einer Veränderung des Tierfutters und in der Folge zu einem
veränderten Aufbau des Körperfettgewebes der Tiere. Nur 13 % der Männer und 15 %
der Frauen halten sich an die offizielle Empfehlung, mehr als fünfmal täglich
Obst und Gemüse zu essen. Zudem ist das Fehlen von Aminosäuren in der Nahrung
bedenklich, da dieses Manko zu Depressionen und Apathie führen und sich negativ
auf die Motivation und die Entspannungsfähigkeit auswirken kann. Eine der
Autorinnen der Studie, Courtney Van de Weyer, sagte dazu Folgendes: „Wer seinen
Körper gut ernährt, ernährt damit auch seinen Geist gut. Aber ohne radikale
Änderungen in der Landwirtschaft wird es in Zukunft keine gesunde und nahrhafte
Nahrung geben.“
Anfang Februar fand unter Beteiligung verschiedener
Wissenschaftler und des schottischen Erziehungsministers in Edinburgh eine
Konferenz zum Thema Ernährung, Verhalten
und
Junk-Food-Generation statt. Man geht
heute davon aus, dass etwa ein Viertel der
Kinder und Jugendlichen in irgendeiner Form
Lernprobleme hat. Der Tenor der Konferenz
war: Junk-Food hat die Gehirne der Kinder geschädigt.
Eine abschließende wissenschaftliche Beurteilung der Zusammenhänge zwischen
Ernährung und Psyche ist derzeit noch nicht möglich, da darüber bislang wenig
geforscht wurde. Erfreulicherweise findet man jedoch in dem Bericht von Sustain
eine ausführliche
Darstellung der derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu diesem
Thema.
Exemplarisch seien hier
einige Forschungsergebnisse vorgestellt:
-
Eine Supplementierung von Spurenelementen und Vitaminen sowie von essenziellen
Fettsäuren führte bei Schulkindern zu
einer verminderten Aggressivität.
-
Der Verzehr von Cholesterin und gesättigten
Fettsäuren ist mit Störungen der Hirnleistungsfähigkeit
assoziiert.
-
Emotionale Stresszustände besserten sich
durch Weglassen von Zucker.
-
Eine hohe Zufuhr von Kohlenhydraten wird
meist mit einer Besserung der Stimmungslage
in Verbindung gebracht, wofür einer
der Gründe folgender sein dürfte: Eine
hohe Kohlenhydratzufuhr eröffnet
der Aminosäure Tryptophan bessere Chancen, durch
die Blut-Hirn-Schranke zu gelangen; bei
einer eiweißreichen Ernährung
hingegen konkurrieren
verschiedene Aminosäuren um
denselben Transporter ins Gehirn. Dabei hat Tryptophan sozusagen
„schlechtere Karten“, da es im
Vergleich zu andern Aminosäuren nur in einer geringen Konzentration im
Blut vorkommt.
-
Tryptophan ist die Ausgangssubstanz für die Bildung des Neurotransmitters
Serotonin,
der wesentlich an der Regulierung der
Stimmungslage beteiligt ist. Durch eine
vermehrte Tryptophanzufuhr in
Verbindung mit Kohlenhydraten
lässt sich die Serotoninbildung
im Gehirn erhöhen, was sich meistens
auf die psychische Befindlichkeit des
Menschen positiv auswirkt.
Tryptophan ist u. a. reichlich
enthalten in Cashewnüssen, Sonnenblumenkernen
und Haferflocken.
-
Eine zu geringe Zufuhr von Vitamin B12, Vitamin
C und Folsäure zeigt sich oftmals in
depressiver Verstimmung oder in vermehrter
Erregbarkeit.
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Menschen mit Erschöpfung und Depressionsneigung
haben häufig auch niedrige Vitamin-B
1-Konzentrationen.
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Die Selenversorgung in Mitteleuropa ist in
der Regel unzureichend; eine gute
Selenversorgung ist mit einer guten Stimmungslage assoziiert.
-
Die
Vitamine B6 und B12 können die
Gedächtnisleistung im mittleren Lebensalter anheben.
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Bei älteren Menschen spielen
besonders die Vitamine B6, B12
und Folsäure eine wichtige Rolle
für die Hirnleistungsfähigkeit.
Wenn diese Vitamine in zu
geringem Maß vorhanden sind,
kommt es häufig zu Abbauerscheinungen
und zu einem vermehrten Auftreten von Altersdepressionen.
Ebenso führt eine hohe Zufuhr von
gesättigten Fettsäuren, enthalten
z. B. in Fleisch, Wurst und fettem Käse,
zu Hirnleistungsstörungen. Hingegen verbessert
ein hoher Verzehr von Gemüse, speziell
von grünem Blattgemüse und Kohlarten,
die Hirnleistungsfähigkeit. Günstig
wirkt sich auch eine vermehrte Zufuhr
der Vitamine C und E aus.
-
Pestizidbelastete Nahrungsmittel können
nicht nur das kindliche Gehirn
schädigen, sondern sie werden
auch mit einem erhöhten Risiko
für Morbus Parkinson in Verbindung gebracht.
-
Aus den oben genannten Forschungsergebnissen
geht hervor, dass eine unzureichende
Versorgung mit Mikronährstoffen häufig
der Grund für psychische
Befindlichkeitsstörungen oder Hirnleistungsstörungen sein kann.
Deshalb kann bei vielen psychischen Störungen
die Orthomolekulare Medizin sinnvoll und
erfolgsversprechend eingesetzt werden.
Hauptansatzpunkte einer Therapie mit Mikronährstoffen
sind der Neurotransmitterstoffwechsel,
die Durchblutung des
Gehirns,
der
antioxidative Schutz des Gehirns und der
Energiestoffwechsel. Dabei geht es nicht
nur um den Ausgleich von
Mikronährstoffdefiziten, sondern
auch um eine individuell angepasste
Versorgung, die einem erhöhten Mikronährstoffbedarf
in besonderen Lebenssituationen, z. B. bei psychischem Dauerstress,
gerecht wird.
Lithium bei Stimmungsschwankungen
Bezüglich des therapeutischen Einsatzes von
Mikronährstoffen gibt es immer wieder neue
und interessante Aspekte. So ist vor
kurzem in Toronto ein Buch von
Abraham Hoffer und Jonathan Prousky
erschienen mit dem Titel „Naturopathic
Nutrition“. Abraham Hoffer ist
einer der Pioniere auf dem Gebiet der Mikro
nährstoffbehandlung bei psychiatrischen Störungen.
Hoffer empfiehlt, es bei
leichteren Stimmungsschwankungen mit 5 mg
Lithiumaspartat oder Lithiumorotat
pro Tag zu versuchen, da er dieses
Spurenelement mit gutem Erfolg bei
psychischen Befindlichkeitsstörungen eingesetzt
hat. Es ist hinreichend bekannt, dass
Lithium eine wirksame Substanz zur Rezidivprophylaxe
von bipolaren affektiven Störungen
ist. Für eine diesbezügliche Behandlung
sind allerdings Plasmaspiegel von 0,4 bis
1,0 mmol/ l erforderlich. Lithium
kommt auch phyisologischerweise im
menschlichen Organismus und im
Blutplasma vor, wobei eine Essentialität von Lithium bislang nicht nachgewiesen
ist.
Es
gibt keine definierten Lithiummangelsymptome
beim Menschen. Allerdings liegen einige
wissenschaftliche Hinweise für den Zusammenhang
zwischen einer geringen Lithiumzufuhr und psychischen Auffälligkeiten vor: Frühere
Studien von Dawson und Mitarbeitern beschrieben
erstmalig einen potenziellen Zusammenhang
zwischen einer geringen Lithiumzufuhr und Verhaltensstörungen bzw. erhöhter
Aggressivität bei Menschen (Dawson
et al 1970; 1972). Dabei zeigte sich eine signifikante inverse Wechselbeziehung
zwischen der Anzahl von
Gewaltverbrechen bzw. Klinikeinweisungen
auf Grund psychischer Störungen
und der Höhe des Lithiumgehalts des
Trinkwassers. Außerdem korrelierten die
Lithiumkonzentrationen im Harn
negativ mit dem Auftreten einer
Schizophrenie. In einer ähnlichen
US-amerikanischen Studie korrelierte ein
niedriger Lithiumgehalt des Trinkwassers
sowohl mit der Inzidenz
verschiedener Verbrechen als auch
mit Suizid. Bemerkenswert ist auch
eine placebokontrollierte Studie mit ehemaligen
Drogenabhängigen, bei denen über
vier Wochen täglich 400 µg Lithium supplementiert
wurde. Diese Menge entspricht etwa
einer natürlichen diätetischen Zufuhr. Dabei
waren in der Lithiumgruppe deutliche
Verbesserungen der Stimmungslage zu
erkennen, während
Versuchspersonen, die das Placebopräparat
einnahmen, keine eindeutigen Veränderungen
aufwiesen (Schrauzer und de Vroey,
1994).
Der stimmungsverbessernde Effekt von Lithium
könnte mit einer erhöhten Aktivität der Monoaminooxidase
in Verbindung gebracht werden,
die bei einem Lithiummangel vermindert
ist. Es wurde auch nachgewiesen, dass
Lithium den Transport von Folsäure und Vitamin
B12 in die Zellen verbessern kann. Diese
Tatsache könnte auch den
beobachteten Lithiumeffekt
erklären, da Vitamin B12 und Folsäure
die psychische Befindlichkeit in
erheblichem Umfang beeinflussen
können. Aus diesem Grunde dürfte
eine Supplementierung von Lithium
zusammen mit B1 B12 und Folsäure
noch effektiver sein als eine Monotherapie mit
Lithium, B12 oder Folsäure.
 Glycin
bei Angstzuständen und Panikattacken
In
„naturopathic nutrition“ wird empfohlen, bei
akuten Angstzuständen oder Panikattacken
2-10 g Glycin sublingual zu
verabreichen. Den anxiolytischen
Effekt von Glycin erklären Hoffer und Prousky wie folgt: Glycin wirkt als Gegenspieler
von Noradrenalin. Es verhindert die
Freisetzung von Noradrenalin aus dem
Locus coeruleus und damit die
Aktivierung des Nucleus accumbens.
Letzteres ist sozusagen der
Vermittler der Angst- und Panikzustände.
Glycin gehört zu den Aminosäuren mit
wichtigen Aufgaben im zentralen Nervensystem. Es
fungiert als Neurotransmitter an seinen
eigenen Rezeptoren im Hirnstamm
und im Rückenmark, außerdem ist
es ein Co-Agonist an den
NMDA-Rezeptoren – einer bedeutsamen Gruppe
der Glutamatrezeptoren.
Glycin verbessert auch die Schlafqualität. In
einer kleineren placebokontrollierten
japanischen Studie, die in der
Zeitung „Sleep and Biological
Rhythm“ vor kurzem publiziert wurde,
erhielten 19 Probanden drei Gramm Glycin vor dem Schlafengehen. Am
nächsten Morgen wurde die Schlafqualität
anhand von Fragebögen überprüft.
Glycin verminderte signifikant das Müdigkeitsgefühl.
Kasuistik
Zum
Schluss noch ein Fallbeispiel: Es handelt
sich um einen 23 -jährigen jungen Mann,
der seit drei Jahren an erheblichen
Angst- und Panikattacken leidet
und sich deswegen auch in stationärer psychiatrischer Behandlung befand.
Dies erbrachte aber keine Besserung seines Zustandes.
Das
Ergebnis einer gezielten Mikronährstoffanalyse,
speziell auf die psychische Störung
abgestimmt:
Beurteilung
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Glutamin ist grenzwertig.
Hinweis auf eine Immunschwäche,
Beeinträchtigung der Darmmukosa,
verminderte GABA-Synthese
-
Tryptophan ist grenzwertig.
Reduzierte Serotonin-/ Melatonin-Synthese mit möglichen
negativen Effekten auf Psyche, Schlaf, Appetitregulation, Endokrinum,
Schmerzempfinden etc.
-
Die
Vitamin-D-Konzentration sollte über 30
ng/ ml liegen.
Erhöhtes Risiko
für Metaplasien, Osteoporose, arterielle
Hypertonie, Myokardinsuffizienz,
saisonale Depression
-
Homocystein ist leicht erhöht.
Homocystein
ist nicht nur ein Risikofaktor für Gefäßerkrankungen,
sondern auch neurotoxisch und assoziiert mit psychischen Befindlichkeitsstörungen,
Hirnleistungsstörungen
-
Die Selenkonzentration im Vollblut sollte
zwischen 120 und 160 µg/ l liegen.
Höhere
Selenkonzentrationen haben
häufig einen positiven Einfluss auf die
Stimmungslage.
Auf Grund der Blutanalyse, die für eine gezielte
und effektive Behandlung unerlässlich ist,
wurde dem Patienten die Einnahme folgender
Nahrungsergänzungsmittel bzw. Medikamente
empfohlen (Tagesdosis):
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Aminosäurenpulver |
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aus 160 g Glutamin
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und 40 g Tryptophan |
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Dosierung: |
5 g |
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| Vitamin D: |
2000 IE |
| Selen: |
300 µg |
| Folsäure: |
1200 µg |
| Vitamin B6:
|
10 mg |
| Vitamin B12
|
20 µg |
Nach ca. dreiwöchiger Therapie berichtete
der
Patient über eine deutliche Verbesserung
seiner psychischen Befindlichkeit; er
habe wieder mehr Lebensfreude und
sei wieder arbeitsfähig.
Literaturhinweis
-
Courtney Van
de Weyer: Changing Diets, Changing
Minds: how food affects mental wellbeing and behaviour; Sustain
-
Feeding minds, The impact of food on mental
health;
Mental Health Foundation
-
Abraham Hoffer, PhD, MD, FRCP(C), Jonathan
Prousky, BPHE, BSc, ND, FRSH: Naturopathic
Nutrition;
CCNM Press, Toronto 2006
-
Cem Ekmekciouglu,
Wolfgang Marktl: Essenzielle Spurenelemente; Springer Wien New York 2006
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Heinrich Kasper: Ernährungsmedizin und Diätetik;
Urban & Fischer, 10. Auflage 2004
Quelle
www.diagnostisches-centrum.de
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